Das Buch - Textauszüge

Das fließende Licht der Gottheit

1. Die originale Abschrift in Oberdeutsch aus dem 14. Jahrhundert

Mystische Traktate deutsch. Mechthild von Magedeburg, Das fliessende Licht der Gottheit, und andere mystische Schriften (z.B. Meister Eckhart). Die Handschrift wurde zusammen mit Cod. 278 (1040) auf Geheiss der Basler Bürgerin Margaretha zum Goldenen Ring von Heinrich Rumersheim in Basel den vier Schwesternhäusern in der Au bei Einsiedeln geschenkt.
Dank e-Codices gibt es die komplette Abschrift des Werkes aus der Stiftsbibliothek Einsiedeln nun auch in digitaler Form.

 

2. Auszüge in Hochdeutsch aus Mechthilds Werk vom Frommann Holzboog Verlags, Stuttgart – Bad Cannstatt.

Sie sind folgender Ausgabe entnommen:
Das fließende Licht der Gottheit. Übersetzung,  Einführung und Kommentar von Margot Schmidt. MyGG I 11. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog Verlag 1995


FLG I, 11. Vier, die im Streite Gottes stehen

Taube ohne Galle!
Jungfrau unversehrt!
Ritter ohne Wunden!
unverzagter Mann!

Dies sind die vier, auf die Gott im Streite zählen kann


FLG I, 12. Die Seele lobt Gott an fünf Dingen

Kaiser aller Ehren!
Krone aller Fürsten!
Weisheit aller Meister!
Spender aller Gaben!
Löser aller Ketten!


FLG I, 13. Wie Gott in die Seele kommt

Ich komm zu meinem Lieb
wie der Tau auf die Blume.


FLG I, 14. Wie die Seele Gott empfängt und lobt Eia, selige Schau!
           
Eia, inniger Gruß!
Eia, süße Umarmung!

Herr, Dein Wunder hat mich verwundet!
Deine Gnade hat mich erdrückt!

Du hoher Felsen,
Du bist so herrlich durchgraben.
In Dir kann niemand wohnen
denn Taube und Nachtigall.


FLG I, 15. Wie Gott die Seele empfängt

Sei willkommen, liebe Taube!
Du bist so kühn über die Erde geflogen,
daß dir Flügel wuchsen im Himmel droben.


FLG I, 16. Gott vergleicht die Seele vier Dingen

Du schmeckst wie eine Weintraube,
du duftest wie ein Balsam, du leuchtest wie die Sonne,
du bist ein Wachstum meiner höchsten Minne.


FLG I, 17. Die Seele lobt Gott an fünf Dingen

du gießender Gott in deiner Gabe!
du fließender Gott in deiner Minne!
du brennender Gott in deiner Sehnsucht!
du schmelzender Gott in der Einung mit deinem Lieb!
du ruhender Gott an meinen Brüsten!
Ohne dich kann ich nicht mehr sein.


FLG I, 18. Gott vergleicht die Seele fünf Dingen

du schöne Rose im Dorne!
du fliegende Biene im Honig!
du reine Taube in deinem Sein!
du schöne Sonne in deinem Schein!
du voller Mond in deinem Stande!
Ich kann mich nicht von dir wenden.


FLG I, 19. Gott liebkost die Seele in sechs Dingen

Du bist mein überaus sanftes Lagerkissen,
mein innigstes Minnebett,
meine heimlichste Ruhe,
meine tiefste Sehnsucht,
meine höchste Herrlichkeit.
Du bist eine Lust meiner Gottheit,
ein Durst meiner Menschheit,"'
ein Bach meiner Hitze.


FLG I, 20. Die Seele preist Gott dafür an sechs Dingen

Du bist mein Spiegelberg,
meine Augenweide,
ein Verlust meiner selbst,
ein Sturm meines Herzens,
ein Fall und Untergang meiner Kraft,
meine höchste Sicherheit.


FLG I, 22.   Von Sankt Mariens Botschaft, und wie eine Tugend der anderen folgt.

Wie die Seele im Jubilus der Dreifaltigkeit erschaffen wurde. Wie Sankt Maria alle Heiligen ernährte und noch ernährt.

Der süße Tau der anfanglosen Dreifaltigkeit fiel aus dem Brunnen der ewi­gen Gottheit in die Blume der auserwählten Jungfrau. Und der Blume Frucht ist ein unsterblicher Gott und ein sterblicher Mensch und ein leben­diger Trost des ewigen Lebens, und unser Erlöser ist Bräutigam geworden.

Die Braut ward trunken beim Anblick des edlen Antlitzes.
In der größten Stärke kommt sie sich selbst abhanden.
Im schönsten Licht ist sie blind in sich selbst.
In der größten Blindheit sieht sie am allerklarsten.
In der größten Klarheit ist sie beides, tot und lebendig.
Je länger sie tot ist, um so seliger lebt sie.
Je seliger sie lebt, um so mehr erfährt sie.
Je geringer sie wird, um so mehr fließt ihr zu.
Je mehr sie sich fürchtet, [...].
Je reicher sie wird, um so bedürftiger wird sie.
Je tiefer sie (in Gott) wohnt, um so aufnahmefähiger wird sie.
(Je mehr sie begehrt), um so verlangender wird sie.
Je tiefer ihre Wunden werden, um so heftiger stürmt sie.
Je zärtlicher Gott gegen sie ist, um so höher wird sie entrückt.
Je schöner sie vom Anblick Gottes aufleuchtet, um so näher kommt sie ihm.
Je mehr sie sich müht, um so sanfter ruht sie.
(Je mehr sie empfängt), um so mehr erfaßt sie.
je stiller sie schweigt, um so lauter ruft sie.
(Je schwächer sie wird), um so größere Wunder wirkt sie mit seiner Kraft nach ihrer Macht
Je mehr seine Lust wächst, um so schöner wird ihre Hochzeit.
Je enger das Minnebett wird, um so inniger wird die Umarmung.
Je süßer das Mundküssen, um so inniger das Anschauen.
Je schmerzlicher sie scheiden, um so reichlicher gewährt er ihr.
Je mehr sie verzehrt, um so mehr hat sie.
Je demütiger sie Abschied nimmt, um so eher kommt er wieder.
Je heißer sie bleibt, um so rascher schlägt sie Funken.
Je mehr sie brennt, um so schöner leuchtet sie.
Je mehr sich Gottes Lob verbreitet, um so größer bleibt ihr Verlangen.

Eia, wo wurde unser Erlöser Bräutigam? In dem Jubel der Heiligen Dreifaltigkeit, da Gott nicht mehr an sich halten konnte, erschuf er die Seele und gab sich ihr in großer Liebe zu eigen.

»Woraus bist du erschaffen, o Seele, daß du so hoch steigst über alle Kreaturen und dich in die Heilige Dreifaltigkeit mengst und doch ganz in dir selber bleibst?«

»Du hast gesprochen von meinem Anfang, nun künd ich wahrlich: mich erschuf die Liebe an demselben Ort. Darum kann mich kein Geschöpf meiner adligen Natur weder versichern noch etwas wegnehmen denn allein die Liebe.«

»Heilige Frau Maria, du bist die Mutter dieses Wunders, wann geschah dir das?«

»Als der Jubel unseres Vaters getrübt wurde durch Adams Fall, so daß er erzürnen mußte, da verhinderte die ewige Weisheit der allmächtigen Gottheit mit mir den Zorn.  Der Vater erwählte mich zur Braut, daß er einen Gegenstand der Liebe hätte; denn seine Braut, die edle Seele, war tot. Und da erwählte mich der Sohn zur Mutter, und da nahm mich der Heilige Geist zur Geliebten. Da war ich die einzige Braut der Heiligen Dreifaltigkeit und Mutter der Waisen und führte sie vor Gottes Augen, damit sie nicht alle mit­einander versanken, wie es doch mit einigen geschah. Als ich so Mutter von s vielen heimatlosen Kindern war, da wurden meine Brüste so voll von der rei­nen, unbefleckten Milch der wahren verschwenderischen Barmherzigkeit, daß ich die Propheten und Seher nährte, bevor ich geboren wurde. Danach, in meiner Kindheit, nährte ich Jesus. Später, in meiner Jugend, nährte ich Gottes Braut, die heilige Kirche, unter dem Kreuze, wo ich so schwach und  elend wurde, daß das Schwert der leiblichen Qualen Jesu in geistlicher Weise meine Seele zerschnitt.«

Da waren seine Wunden und ihre Brüste offen. Die Wunden gossen, die Brüste flossen, so daß die Seele lebendig und sehr gesund wurde, als er in ihren roten Mund den lauteren purpurnen Wein goß. Als (die Seele) so aus den offenen Wunden geboren und lebendig wurde, war sie kindlich und sehr jung. Sollte sie dann nach ihrem Tode und ihrer Geburt voll erstarken, so mußte Gottes Mutter ihre Mutter und Amme sein. Es war und ist wohl bil­lig so, denn Gott ist ihr wahrer Vater und sie seine rechte Braut, und sie ist ihm an allen Gliedern gleich.

»Herrin, im Alter nährtest du die heiligen Apostel mit deiner mütterli­chen Lehre und mit deinem machtvollen Gebet, damit Gott seine Herr­lichkeit und seinen Willen an ihnen zeige. Herrin, ebenso nährtest du und nährst noch immer die Herzen der Märtyrer mit starkem Glauben, die Ohren der Bekenner mit heiliger Beschirmung, die Jungfrauen mit deiner Keuschheit, die Witwen mit Beständigkeit, die Eheleute mit Wohltätigkeit, die Sünder mit Geduld.
Herrin, noch mußt du uns nähren, denn deine Brüste sind noch so voll, daß du ihnen nicht wehren kannst. Wolltest du nicht mehr nähren, dann schmerzte dich die Milch gar sehr. Denn wahrlich, ich sah deine Brüste so voll, daß sieben Strahlen aus einer Brust zugleich über meinen Leib und mei­ne Seele flossen. Zu diesem Augenblick nimmst du mir eine Beschwerde, die kein Gottesfreund ohne Herzeleid ertragen kann. So wirst du noch nähren bis zum jüngsten Tag, dann wirst du erschöpft sein, weil dann Gottes und deine Kinder entwöhnt und voll erwachsen sind zum ewigen Leben. Eia, darnach werden wir in unsäglicher Lust die Milch und die Brüste schauen und erkennen, die Jesus so oft geküßt hat.«


FLG I, 23. Du sollst bitten, daß dich Gott innig, häufig und lange liebt, dann wirst du rein, schön und heilig

Eia, Herr, liebe mich innig, und liebe mich häufig und lange! Denn je inni­ger Du mich liebst, desto reiner werde ich. Je öfter Du mich liebst, desto schöner werde ich. Je länger Du mich liebst, desto heiliger werde ich hier auf Erden.


FLG I, 24. Wie Gott der Seele antwortet

Daß ich dich überaus liebe, das habe ich von Natur,
weil ich die Liebe selber bin.
Daß ich dich oftmals liebe, hab ich von meiner Sehnsucht, weil ich ersehne, daß man mich herzlich liebt. Daß ich dich lange liebe, kommt von meiner Ewigkeit, weil ich ohne Anfang und ohne Ende bin.


FLG I, 35. Die Wüste hat zwölf Dinge

Du sollst minnen das Nicht,
du sollst fliehen das Icht.
Du sollst alleine stehen
und sollst zu niemand gehen.
Du sollst nicht sehr geschäftig sein und dich von allen Dingen befrein.
Du sollst die Gefangenen entbinden und die Freien überwinden.
Du sollst die Kranken laben und doch selber nichts haben.
Du sollst das Wasser der Pein trinken
und die Liebesglut mit dem Holze der Tugenden entzünden:
Dann wohnst du in der wahren Wüste.


FLG I, 39. Gott fragt die Seele, was sie bringe

»Du stürmst gar hitzig in der Minne,
sag, was bringst du mir, meine Königin?«


FLG I, 44.   Von dem siebenfachen Weg der Minne. Von den drei Kleidern der Braut und vom Tanze

»Eia, minnende Seele, willst du wissen, wie dein Weg sei?«

»Ja, lieber Heiliger Geist, lehre es mich!«

»Wenn du hinauskommst über den Schmerz der Reue und über die Härte der Beichte und über die Mühe der Buße und über die Liebe der Welt und über die Versuchung des Teufels und über die Lockungen des Fleisches und über den verwünschten Eigenwillen, der viele Seelen so sehr zurückzieht, daß sie nie zur wahren Liebe kommen, und wenn du deine meisten Feinde niedergeschlagen hast, dann bist du so müde, daß du sprichst: >Schöner Jüngling, ich sehne mich nach dir, wo soll ich dich finden?

Dann spricht der Jüngling:
Ich höre eine Stimme, die klingt wie von Minne.
Ich warb um sie seit vielen Tagen,
nie wollte die Stimme mir etwas sagen.
Nun bin ich bewegt,
ich muß ihr entgegen !
Es ist jene, die Kummer und Minne miteinander erträgt.

Des Morgens im süßen Tau - das ist die verhaltene Innigkeit, die zuerst in die Seele dringt -, sprechen ihre Kämmerer, das sind die fünf Sinne:

»Herrin, Ihr sollt Euch ankleiden.«
»Ihr Lieben, wo soll ich hin?«   
»Wir haben das Raunen wohl vernommen.
Der Fürst will Euch entgegenkommen
im Tau und im lieblichen Vogelsang.
Eia, Herrin, nun säumet nicht lang!«

Darauf zieht sie das Hemd der sanften Demut an, so demütig, daß sie nichts  unter sich leiden kann; darüber ein weißes Kleid der lauteren Keuschheit, so rein, daß sie in Gedanken, in Worten und in Berührungen nichts zuläßt, was sie beflecken könnte. Dann legt sie den Mantel des heiligen Rufes um, den sie vergoldet hat mit allen Tugenden. So begibt sie sich in den Wald der Gesellschaft heiliger Leute. Dort singt die süßeste Nachtigall in der wohl-  lautenden Vereinigung mit Gott Tag und Nacht, und viele süße Stimmen hört sie dort von den Vögeln der heiligen Erkenntnis. Aber noch kommt der Jüngling nicht. Da sendet sie Boten aus, denn sie will tanzen. Und sie sand­te nach dem Glauben Abrahams und nach dem Verlangen der Propheten und nach der reinen Demut unserer Frau Sankt Marien und nach allen heiligen Tugenden unseres Herrn Jesu Christi und um alle Vortrefflichkeit seiner Auserwählten. Das gibt dann einen wundervollen Tanz zu Lob und Preis.

Da kommt der Jüngling und spricht zu ihr:

»Jungfrau, ihr sollt so anmutig nachtanzen, wie Euch meine Auserwählten vorgetanzt haben.«

Da sprach sie:

»Ich tanze, Herr, wenn Du mich führest 
Soll ich sehr springen, mußt Du anfangen zu singen.
Dann springe ich in die Minne,
von der Minne in die Erkenntnis,
von der Erkenntnis in den Genuß,
vom Genuß über alle menschlichen Sinne.
Dort will ich verharren und doch höher kreisen.«

Und der Jüngling muß also singen:

»Durch mich in Dich, und durch Dich von mir.«
»Gerne mit Dir, ungern von Dir (getrennt).«

Darauf spricht der Jüngling:

»Jungfrau, dieser Lobtanz ist Euch gut gelungen.
Ihr sollt mit der Jungfrau Sohn Euren Willen haben,
denn Ihr seid nun herz­lich müde. Kommt am Mittag zu der Schattenquelle in das Bett der Minne. Dort sollt Ihr Euch mit Ihm erholen.«

Da spricht die Jungfrau:

»Herr, das ist unbegreiflich viel,
daß die sei Deiner Minne Gespiel,
die nicht Minne in sich selber hegt,
sie werde denn von Dir bewegt.«

Darauf spricht die Seele zu den Sinnen, die ihre Kämmerer sind:

»Nun bin ich eine Weile des Tanzens müde. Verlaßt mich, ich muß mich dorthin zurückziehen, wo ich mich erkühlen kann.«

Da sprechen die Sinne zur Seele:

»Herrin, wollt Ihr Euch erkühlen in den Liebestränen von Sankt Maria Magdalena? Da findet Ihr wohl Genügen.«

Die Seele:

»Schweigt, ihr Herren! Ihr wißt alle nicht, was ich mein'!
Laßt mich ungehindert sein, eine Weile will ich trinken von dem unvermischten Wein.«

Sinne:
»Herrin, in der Jungfrauen Keuschheit ist die große Liebe bereit.«

Seele:
»Das kann schon sein, doch ist es hier nicht das Allerhöchste an mir.«

Sinne:
»In der Märtyrer Blut könnt Ihr Euch herrlich kühlen.«

Seele:
»Ich bin gemartert so manchen Tag,
daß ich mich dort nicht zu kühlen vermag.«

Sinne:
»Im Rate der Bekenner leben reine Leute gern.«

Seele:
»Zur Beratung will ich immer gehen,
für Tun und Lassen mich versehen,  
doch kann ich jetzt darnach nicht sehen.«

Sinne:
»In der Apostel Weisheit findet Ihr große Sicherheit.«

Seele:
»Ich hab die Weisheit hier bei mir,
das Beste wähl ich stets mit ihr.«        
                                   
Sinne:
»Herrin, die Engel sind klar und strahlen von Liebe gar.
Wollt Ihr Euch kühlen, so hebt Euch dar!«

Seele:
»Der Engel Wonne schafft mir nur Liebesweh,
wenn ich ihren Herrn und meinen Bräutigam nicht seh.«

Sinne:
»So kühlt Euch in dem heiligen harten Leben, das Gott Johannes dem Täufer gegeben.«

Seele:
»Zu der Beschwernis bin ich bereit,
doch geht der Liebe Kraft über alle Mühsal weit.«

Sinne:
»Herrin, wollt Ihr Euch minniglich kühlen,
so neigt Euch zu der Jungfrau Schoß
und ihrem Kinde und kostet und schaut,
wie der Engel Freude von der ewigen Jungfrau
die natürliche Milch saugt.«

Seele:
»Das ist Kindesliebe, daß man Kinder stille und wiege. Ich bin eine vollerwachsene Braut, ich will gehn zu meinem Traut.«

Sinne:
»0 Herrin, kommt Ihr so einher, 
müssen wir erblinden sehr.
Denn die Gottheit ist ein heißer Brand,
wie es dir ja gut bekannt.
Alle die Feuer und alle die Gluten,
die Himmel und Heilige entflammen und durchfluten,
alles ist ausgeflossen aus seinem göttlichen Atem
und aus seinem menschlichen Munde
nach dem Rate des Heiligen Geistes;
wie kannst du da verbleiben nur eine Stunde?«

Seele:
»Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken,
der Vogel in den Lüften nicht versinken,
das Gold ist im Feuer nie vergangen,
denn es wird dort Klarheit und leuchtenden Glanz
Denn die empfangen.

Gott hat allen Kreaturen das gegeben,
daß sie ihrer Natur gemäß leben.
Wie könnte ich denn meiner Natur widerstehn?
Ich muß von allen Dingen weg zu Gott hingehn,
der mein Vater ist von Natur,
mein Bruder nach seiner Menschheit,
mein Bräutigam von Minnen
und ich seine Braut ohne Beginnen.
"Glaubt ihr, daß ich ihn (Gott) nicht fühle?
Gott kann beides: kräftig brennen und tröstlich kühlen.
Aber betrübt euch nicht zu sehr!
Ihr könnt mich noch lehren: wenn ich wiederkehr,
dann bedarf ich eurer Weisung wohl,
denn die Welt ist vieler Schlingen voll.«

Nun geht die Allerliebste zu dem Allerschönsten in die verborgenen Kammern der unsichtbaren Gottheit. Dort findet sie der Minne Bett und Gelaß und Gott übermenschlich bereit.

Da spricht unser Herr:

»Haltet an, Frau Seele!« »Was gebietest Du, Herr?«
»Ihr sollt nackt sein! «
»Herr, wie soll mir dann geschehen?«
»Frau Seele, Ihr seid so sehr in mich hineingestaltet,
daß zwischen Euch und mir nichts sein kann.
Es ward kein Engel je so geehrt,
dem das wurde eine Stunde gewährt,
was Euch von Ewigkeit ist gegeben.
Darum sollt Ihr von Euch legen
beides, Furcht und Scham
und alle äußeren Tugenden.
Nur die, die von Natur in Euch leben,
sollt Ihr immerdar pflegen.
Dies ist Euer edles Verlangen und Eure grundlose Begehrung;
die will ich ewig erfüllen mit meiner endlosen Verschwendung.«

»Herr, nun bin ich eine nackte Seele,
und Du in Dir selber ein reichgeschmückter Gott.
Unser zweier Gemeinschaft
ist ewiges Leben ohne Tod.«    
Da geschieht eine selige Stille,
und es wird ihrer beider Wille.
Er gibt sich ihr, und sie gibt sich ihm.
Was ihr nun geschieht, das weiß sie,
und damit tröste ich mich.
Aber dies kann nie lange sein.
Denn wo zwei Geliebte verborgen sich sehen,
müssen sie oft abschiedlos voneinander gehen.
Lieber Gottesfreund, diesen Minneweg habe ich dir geschrieben.
Gott möge ihn deinem Herzen erschließen! Amen.



FLG II, 4.    Von der armen Jungfrau, von der Messe Johannes' Baptista, von der Verwandlung der Oblate in das Lamm, von der Schönheit der Engel, von vier Arten geheiligter Leute und von dem goldenen Pfennig

Wie nützlich es ist, daß ein Mensch guten Willen besitzt, wenngleich er das Werk nicht vollbringen kann, zeigte unser Herr einer armen Jungfrau, als sie nicht mehr zur hl. Messe kommen konnte, wenngleich sie leider zu diesem Gottesdienst nicht in der Lage war. Da sprach sie also zu Gott:

»Eia, lieber Herre mein, soll ich heute ohne Messe sein?«

In diesem Verlangen nahm ihr Gott alle irdischen Sinne und brachte sie auf wunderbare Weise in eine schöne Kirche. Darinnen fand sie niemanden. Da dachte sie bei sich: 0 weh, du Arme, Träge, nun bist du zu spät gekommen, da du jetzt erst aufgestanden bist. Das kann dir hier ganz und gar nicht frommen. Da sah sie einen Jüngling kommen, der brachte einen Bund weißer Blumen, die streute er unten im Turme hin und ging weg. Dann kam ein anderer, der brachte einen Bund Veilchen, die streute er mitten in die Kirche. Dann kam wieder ein anderer und brachte einen Bund Rosen, die streute er schön vor den Altar Unserer Frau. Dann kam ein vierter und brachte einen Bund weißer Lilien und streute sie in den Chor. Als sie dies getan hatten, ver-neigten sie sich ehrerbietig und gingen ihres Weges. Diese Jünglinge waren so edel und schön anzuschauen, daß alle noch so großen Schmerzen des Menschen an seinem Leibe vergehen müßten, wenn er sie recht anschauen könnte. Dann kamen zwei Schüler im weißen Gewande und brachten zwei Lichter. Diese stellten sie auf den Altar, schritten ehrfurchtsvoll einher und blieben im Chor.
Dann kam ein mäßig großer Mann. Er war sehr hager und doch nicht alt. Sein Gewand war so ärmlich, daß Arme und Beine zu sehen waren. Er trug ein weißes Lamm an seiner Brust und zwei Ampeln in seinen Händen. Er schritt zum Altar und setzte das Lamm darauf und neigte sich verehrend davor. Das war Johannes der Täufer, er sollte die Messe singen.
Dann kam ein Jüngling, der war von zarter Gestalt; er trug einen Adler an seiner Brust. Das war Johannes Evangelista. Dann kam ein schlichter Mann, Sankt Peter. Dann kam ein großer Jüngling, der einige Meßgewänder brachte. Damit kleideten sich die drei Herren. Dann kam eine große Schar, das war das mächtige Gesinde des Himmelreiches. Es füllte die Kirche so voll, dass die arme Jungfrau keinen Platz fand, wo sie bleiben konnte. Darum ging sie nach hinten in den Turm. Dort fand sie Leute, alle gleich in weißen 25 Gewändern. Sie hatten kein Haar auf ihren Häuptern, sondern trugen einfa che Kronen. Das waren solche, die nicht nach dem Gesetz gelebt hatten; den Schmuck des Haares, das sind die guten Werke, hatten sie nicht. Wie kamen sie denn in den Himmel? Mit Reue und mit gutem Willen an ihrem Ende. Weiter fand sie noch schönere Menschen in violetten Kleidern. Sie waren geschmückt mit schönem Haar der Tugenden und mit Gottes Gesetz gekrönt. Noch schönere Menschen fand sie in rosenfarbenen Kleidern. Sie trugen das schöne Zeichen der Witwen und die Krone der freiwilligen Keuschheit.
Die arme Jungfrau war schlecht gekleidet und schwach am Leibe; bei den drei Scharen konnte sie nirgends bleiben. Da ging sie hin, stellte sich vor den Chor und sah hinein, wo Unsere Liebe Frau am höchsten Platz stand und Sankt Katharina, Cäcilia, Bischöfe, Märtyrer, Engel und eine große Zahl von Jungfrauen. Als dieser arme Mensch die hohe Herrschaft sah, beschaute er sich auch selbst, ob er in seiner Armseligkeit bleiben dürfe. Aber da hatte sie
auf einmal einen purpurroten Mantel um, der war aus Minne gewoben und gemäß der Glut ihrer Sinne nach Gott und nach allen guten Dingen. Der Mantel war mit Gold geziert und auch mit einem Liede, das klingt so: »Ich stürbe gern aus Minne.« Sie sah sich auch einer edlen Jungfrau gleich und trug auf ihrem Haupte einen Kranz aus herrlichem Golde, an dem ebenfalls ein Lied stand, das klang so:

»Seine Augen in meine Augen,
sein Herz in mein Herz,
seine Seele in meine Seele,
unverdrossen umfangen.«

Und ihr Antlitz sah sich selbst den Engeln gleich. weh, ich unseliger Pfuhl, wie ist mir nun geschehen? Noch bin ich leider so selig nicht, wie ich mich dort gesehen habe. Alle, die im Chore waren, sahen sie mit holdem Lächeln an. Da winkte ihr Unsere Frau, daß sie über Katharina stehen soll. Und sie  ging, um bei Unserer Lieben Frau zu stehn, denn es möchte selten geschehn, daß sie Gottes Mutter sprechen und sehen dürfe. »Eia, du Liebe, wohl-gemut!« Sie hielt es für ein großes Gut, daß die unedle Krähe bei der edlen Turteltaube stand. Alle in dem Chore waren gekleidet in leuchtendem Golde und waren umfangen von schwebender Wonne, strahlender als die Sonne.
Dann huben sie die Messe also an: »Gaudeamus omnes in domino«. Und so oft Unsere Frau genannt wurde, knieten sie nieder, und die andern ver-neigten sich, weil Gott ihr die größte Ehre gegeben hat. Da sprach die Armselige, die zu der Messe gekommen war: »Eia, Herrin, könnte ich hier Gottes Leib empfangen, da hier kein Hinterhalt zu fürchten ist?« Da sprach Gottes Mutter: »Ja, Liebe, verrichte deine Beichte!« Und die himmlische Königin winkte Johannes Evangelista, der ging heraus und hörte die Beichte der Sünderin. Da bat sie, er möge ihr sagen, wie lange sie noch leben werde. Johannes sprach: »Ich darf es dir nicht sagen, denn Gott will es nicht. Denn wäre die Zeit (noch) lang, dann könntest du wegen deines mannigfaltigen  Kummers in Verdrossenheit fallen. Wäre jedoch die Zeit kurz, dann könn-test du im Kummer deines Herzens den Wunsch hegen, lange zu leben.«
Dann fing Johannes an, das Evangelium zu lesen: »Liber generationis«,
Da sprach die Arme zu Unserer Frau: »Soll ich opfern?« Und Unsere Frau sprach: »Ja, wenn du es ihm nicht wieder nehmen willst!« Da sprach die 35 Arme: »Eia, Frau, die Gnade mußt du mir von Gott geben.« Da sprach Unsere Frau: »Dann nimm diesen goldenen Pfennig, das ist dein eigener Wille, und opfere ihn meinem erhabenen Sohn in allen Dingen.« Mit großer Ehrerbietung und heiliger Furcht empfing der kleine Mensch den großen Pfennig und betrachtete ihn, wie er gemünzt wäre. Auf dem Pfennig war Christus zu sehen, wie er von dem Kreuz gelöst wurde. Auf der anderen Seite war das ganze Himmelreich zu sehen, darin die neun Chöre, oberhalb Gottes Thron. Da sprach ihr Gottes Stimme zu: »Opferst du mir diesen Pfennig, so daß du ihn nicht zurücknimmst, dann will ich dich vom Kreuz erlösen und dich zu mir in mein Reich bringen.«
Darnach las jener Priester die stille Messe, »der in seiner Mutter Leib mit dem Heiligen Geiste geweiht wurde« . Als er die weiße Oblate in seine Hände nahm, da hub sich jenes Lamm auf, das auf dem Altar stand, und fügte sich bei den Worten unter den Zeichen seiner Hand in die Oblate und die Oblate in das Lamm, so daß ich die Oblate nicht mehr sah, sondern nur ein blutiges Lamm, das an einem blutigen Kreuze gehangen.

Mit so liebenden Augen sah es uns an, daß ich es nie mehr vergessen kann.
Dann bat die arme Jungfrau Unsere Liebe Frau: »Eia, liebe Mutter, bitte deinen Sohn, den Herrn, daß er sich mir Armen geben wolle!«20 Da sah sie, daß ein leuchtender Strahl aus dem Mund Unserer Frau auf den Altar schien und das Lamm mit ihrem Gebete berührte so daß Gott selbst aus dem Lamme sprach: »Mutter, ich will mich mit Freuden an die Stätte deines Begehrens legen.« Darauf ging die arme Jungfrau mit großer Liebe und offener Seele zum Altar. Da nahm Sankt Johannes das weiße Lamm mit seinen roten Wunden und legte es zwischen die Zähne in ihren Mund. Da legte sich das reine Lamm auf sein eigenes Bild in ihren (Leibes-)Stall und sog ihr Herz mit seinem süßen Munde. Je mehr es sog, um so mehr gab sie es ihm.
Nun ist die, der dies geschah, tot und dahingefahren. Gott helfe uns, daß wir sie sehen mögen in der Schar der Engel! Amen.


FLG II, 5. Ein Sang der Seele zu Gott von fünf Dingen und wie Gott ein Kleid der Seele ist und die Seele das Kleid Gottes

»Du leuchtest in meiner Seele
wie die Sonne auf dem Golde.
Herr, wenn ich in Dir ruhen darf,
ist meine Wonne überreich.
Du kleidest Dich mit meiner Seele
und bist auch ihr nächstes Kleid.59
Daß dem ein Scheiden sollte sein,
ist mehr als alle Herzenspein.
Wolltest Du mich heftiger minnen,
käm ich ganz gewiß von hinnen,
wo ich Dich ohne Unterlaß nach Wunsche könnte minnen.
Nun hab ich Dir gesungen,
noch ist es mir nicht gelungen;
wolltest Du mir singen,
dann müßte es mir gelingen.«


FLG II, 6. Ein Gegengesang Gottes in der Seele von fünf Dingen
           
Gott:
»Wenn ich scheine, mußt du gluten,
wenn ich fließe, mußt du fluten.
Wenn du seufzt, ziehst du mein göttliches Herz in dich
hinein, wenn du weinst nach mir, schließe ich dich in meine Arme.

Wenn du aber minnest, werden wir beide eins,
und wenn wir zwei eins sind,  
vermag uns nichts mehr zu scheiden,
nur ein wonniges Harren wohnt zwischen uns beiden.«

Seele:
»Herr, harre ich denn mit Hunger und mit Durst,
mit jagen und mit Lust,
bis an die spielende Stunde,   
da aus deinem göttlichen Munde
die erwählten Worte strömen hervor. Sie dringen in kein Ohr,
nur in die Seele allein,
die sich von der Erde entkleidet,
und ihr Ohr legt an deinen Mund.
Ja, die begreift der Minne Fund.«


FLG II, 25. Von der Klage der liebenden Seele. Wie Gott sie schont
und ihrseine Gabe entzieht. Von der Weisheit. Wie die Seele Gott fragt,wie ihr sei und wo er sei. Von dem Baumgarten, von den Blumen unddem Gesang der Jungfrauen

»O du unzählbarer Schatz in deiner reichen Unendlichkeit!
O du unbegreifliches Wunder in deiner Vielfältigkeit!
O du endloser Ruhm in der Herrschaft deiner Edelkeit!
Wie weh ist mir nach dir, wenn du mich schonen willst!
Würde jedes Geschöpf mit mir klagen,
sie könnten es nie genug sagen.
Denn ich leide unmenschlich Not,
mir wäre sanfter ein menschlicher Tod.
Ich suche dich in Gedanken
wie eine Jungfrau verhohlen ihr Lieb.
Ich werde schwer erkranken,
weil ich an dich gebunden bin.
Dies Band ist stärker als ich allein,
drum kann ich mich nicht von der Minne befrein.
Ich rufe nach dir in großem Verlangen
mit klagender Stimme.
Ich harre dein in Herzensbangen;
ich kann nicht ruhen; ich brenne
unauslöschlich in der Glut deiner Minne.
Ich jage nach dir mit aller Macht,
doch hätte ich selbst eines Riesen Kraft,
schnell bliebe mir davon wenig nur,
käm ich endlich auf deine Spur.
Eia, Lieber, laufe mir nicht so weit voraus
und ruhe ein wenig in Liebe aus,
auf daß ich dich ergreife.

Eia, Herr, da du mir nun alles entzogen hast, was ich von dir habe,
so laß mir doch aus Gnade dieselbe Gabe,
die du von Natur einem Hunde gegeben hast, nämlich:
daß ich dir treu sei in meiner Not
ohne jeden Überdruß.
Dies ersehne ich mit Sicherheit
inniger als dein Himmelreich.«

Gott:
»Liebe Taube, nun höre mich!
Meine göttliche Weisheit sorgt so sehr für dich,
daß ich alle meine Gnaden an dir so geordnet habe,
wie dein armer Leib sie ertrage.
Dein heimliches Seufzen muß mich finden.
Deines Herzens Jammer kann mich bezwingen.
Dein süßes jagen macht mich so müde,
daß ich begehre, daß ich mich kühle
in deiner reinen Seele,
in die ich hinein gebunden bin.
Deines wunden Herzens aufseufzendes Beben
hat meine Gerechtigkeit von dir vertrieben.
Das ist dir und mir willkommen.
Ich kann mich nicht von dir entzweien,
wie weit wir auch geschieden seien;
wir könnten doch nicht getrennt werden.
Ich kann dich noch so zart berühren,"
du mußt unendlich Weh verspüren an deinem Leib.
Denn gäb ich mich dir immer nach deinem Begehren,
ich müßte meine liebe Herberg in dir entbehren.
Denn tausend Leiber können nicht stillen
der liebenden Seele Verlangen und Willen.
Darum: Je größer die Liebe, je heiliger der Märtyrer.«

Seele:
»0 Herr, du schonst allzusehr meinen pfuhligen Kerker,
darinnen ich trinke das Wasser der Welt und esse in großer Armseligkeit den Aschenkuchen meiner Gebrechlichkeit.
Ich bin verwundet auf den Tod von deinem feurigen Liebesstrahl.
Nun läßt du mich, Herr, hier liegen ungesalbt in großer Qual. «

Gott:
»Liebes Herz, meine Königin,
was quält dich ungeduldiger Sinn?
Wenn ich dich allertiefst verwunde,
salbe ich dich liebevollst zur Stunde.
Die Größe meines Reichtums ist dein allein,
und über mich selber wirst du gewaltig sein.
Ich bin dir von ganzem Herzen hold,
hast du die Waage, hab ich das Gold.
Was du getan, gelassen, gelitten meinetwegen,
das will ich dir alles wiederwägen.
Und will mich dir schenken, umsonst, für ewige Zeiten
und all deinem Willen Erfüllung bereiten.«

Seele:
»Herr, ich will dich zweier Dinge fragen,
die erkläre mir nach deinen Gnaden:
Wenn meine Augen in Verlassenheit trauern
und mein Mund einfältig schweigt
und meine Zunge in Sehnsucht gebunden,
und meine Sinne mich fragen Stunden um Stunden,
was mir sei, dann steht alles in mir, Herr,
gänzlich nach dir.
Wenn mein Fleisch mir verfällt
und mein Blut vertrocknet, mein Gebein erfriert,
meine Adern sich verkrampfen"
und mein Herz zerschmilzt nach deiner Minne
und meine Seele schreit mit eines hungrigen Löwen Stimme:
Wie mir da ist?
Und wo du dann bist?
Viellieber, das sage mir!«

Gott:
»Dir ist wie einer jungen Braut,
der im Schlaf entfloh ihr einziger Traut,
dem sie in allem Vertrauen sich zugeneigt,
und sie kann es nicht erleiden,
sich einen Augenblick von ihm zu scheiden.
Denn wenn sie erwacht, kann sie ihn nicht mehr haben
als ihre Sinne ihn vermögen zu bewahren.
Daher rühren all ihre Klagen.
Ist dem Jüngling die Braut noch nicht heimgegeben,
muß sie oft getrennt von ihm leben.
Ich komme zu dir nach meiner Lust, wann ich will.
Sei du verhalten und still,
und verbirg deinen Kummer nach deiner Macht,
so erwächst in dir der Minne Kraft.
Nun sage ich dir, wo ich dann bin:
Ich bin in mir selbst,
an allen Stätten und in allen Dingen,
wie ich je war vor allem Beginn.
Und ich warte dein im Baumgarten der Minne
und breche dir die Blumen der süßen Einung
und bereite dir da ein Bett aus dem erquickenden
Grase der heiligen Erkenntnis;
und die lichte Sonne meiner ewigen Gottheit
bescheint dich mit dem verborgenen Wunder meiner
Seligkeit,
die du ein wenig verschwiegen offen legtest.
Und ich neige dir den höchsten Baum meiner Heiligen
Dreifaltigkeit.
und du brichst die grünen, weißen und roten Äpfel
meiner saftigen Menschheit,
beschirmt im Schatten des Heiligen Geistes
vor aller irdischen Traurigkeit.
Dann denkst du nicht mehr an dein Herzeleid.
Wenn du den Baum umfängst, lehre ich dich der Jungfrauen Sang,
die Weise, die Worte, den süßen Klang,
den jene in sich nicht erfassen,
die sich je mit Unkeuschheit eingelassen.
Aber sie werden auch süße Erhebung finden,
Liebste, nun fang an zu singen,
und laß hören, wie deine Lieder klingen!«

Seele:
»0 weh, mein Liebster, ich bin heiser in der Kehle
meiner Keuschheit.
Doch die Süße deiner innigen Zärtlichkeit
läßt meine Kehle erklingen,
und so vermag ich zu singen:
Herr, dein Blut und meines sind eines, ungetrübt.
Deine Liebe und meine sind eine, ungeteilt.
Dein Kleid und meines sind eines, unbefleckt.
Dein Mund und meiner sind einer, ungeküßt.«

Dies sind die Worte vom Minnesang.
Aber der Minne Worte und der süße Herzklang
müssen verschwiegen bleiben,
denn keine Menschenhand kann das beschreiben!


FLG II, 26. Von diesem Buche und seinen Schreibern

Ich wurde vor diesem Buche gewarnt und von Menschen also belehrt:
Wolle man davon nicht absehn,
dann wird es in Flammen aufgehn!

Da tat ich, wie ich als Kind schon pflegte,
wenn ich traurig war, mußte ich immer beten.
Ich wendete mich zu meinem Lieben und sprach:

»Eia, Herr, nun bin ich um deiner Ehre willen geschlagen,
soll ich von dir jetzt ungetröstet bleiben?
Denn du hast mich dazu getrieben und hießest mich selber es schreiben.«

Da offenbarte sich Gott meiner traurigen Seele ohne Verzug,
indem er das Buch in seiner Rechten trug und sprach:

»Meine Liebe, betrübe dich nicht zu sehr,
die Wahrheit kann niemand verbrennen.
Wer mir das Buch aus der Hand nehmen will,
muß stärker sein als ich.
Dieses Buch ist dreifaltig und bezeichnet alleine mich.
Das Pergament, das es rings umhüllt,
ist Bild meiner reinen, weißen, gerechten Menschheit,
die deinetwillen den Tod erlitt.
Die Worte bedeuten meine wunderbare Gottheit.
Sie fließen von Stunde zu Stunde
in deine Seele aus meinem göttlichen Munde.
Der Klang der Worte erklärt meinen lebendigen Gott
und erschließt mit ihm die richtige Wahrheit.
Nun sieh aus allen diesen Worten,
wie rühmlich sie mein Geheimnis verkünden:
Du sollst keinen Zweifel an dir finden.«

»Eia, Herr, wär ich ein gelehrter geistlicher Mann,
und hättest du dieses einzig große Wunder an ihm getan,
du würdest ewige Verherrlichung dafür empfangen.
Wer wäre, Herr, der das nun glaubt,
daß du in einem unflätigen Pfuhl
hast ein goldenes Haus erbaut,
in dem du wahrhaft wohnst mit deiner Mutter und aller Kreatur
und mit all deinem himmlischen Gesinde?
Herr, da kann dich die irdische Weisheit nicht finden.«

»Tochter, es verliert manch weiser Mann sein kostbares Gold
aus Nachlässigkeit auf einer breiten Heeresstraße;
er wollte damit zur hohen Schule reisen.
Nun muß es jemand finden.
Von Natur aus hielt ich es so manchen Tag:
Wenn ich je außerordentliche Gnaden gab,
suchte ich immer den niedrigsten, geringsten, verborgensten Ort.
Die irdischen höchsten Berge können sich nicht beladen
mit der Offenbarung meiner Gnaden.
Denn die Flut meines Heiligen Geistes fließet von Natur aus zu Tal.
Man findet manchen weisen Meister der Schrift,
der vor meinen Augen dennoch ein Tor ist.
Und ich sage dir noch mehr:
Es ist mir vor ihnen eine große Ehr
und stärkt die heilige Kirche gar sehr,
daß der ungelehrte Mund die gelehrte Zunge
aus meinem Heiligen Geist belehrt.«

»Eia, Herr, ich seufze und begehre
und bitte dich für die Schreiber,
die das Buch nach mir geschrieben haben.
Du mögest auch ihnen zum Lohn die Gnade geben,
die den Menschen nie verschlossen war.
Denn deiner Gnaden, Herr, sind es tausendmal mehr
als deine Geschöpfe, die sie empfangen können.«

Da sprach der Herr:
»Sie haben das Buch in goldener Schrift geschrieben,
nun sollen die Worte alle
auf ihrem äußersten Kleide stehen,
ewig offenbar in meinem Eirche
in himmlischem, leuchtenmdem Golde über all ihrem Schmuck geschrieben.
Denn die freie Minne muss stets das Höchste am Menschen sein.«

Während mir unser Herr diese Worte zusprach.
Sah ich die herrlichen Wahrheit in ewiger Erhabenheit.
Eia, Herr, ich bitte Dich,
du mögest diese Buch behüten
vor den Augen verlogener Aufmerksamkeit.
Denn sie ist aus der Hölle zu uns gekommen;
sie ward nie aus dem Himmel genommen.
Sie ist gezeugt von Luzifers Herz
und ist geboren aus geistlichen Hochmut
und ist aufgebläht durch Haß
und schwoll im heftigem Zorn so mächtig an,
daß sie glaubt, keine Tugen reiche an sie heran.
So müssen Gottes Kinder verderben
und werden in Schmach geknechtet werden,
auf daß sie mit Christus höchtst Ehre erwerben.
Eine heilige Aufmerksamkeit sollen wir selber haben
Und zu allen Zeiten in uns tragen,
dass wir uns vor Gebresten bewahren.
Eine liebevolle Aufmerksamkeit  sollen wir für unsere Mitmenschen
haben.
Ihnen die Fehler wohlmeinend allein offenbaren.
So können wir uns viel unnütze Rede ersparen.
Amen.



FLG IV, 15. Die wahre lautere Liebe hat vier Dinge. Schenkst du dich Gott, so schenkt sich Gott auch dir

Die wahre lautere Gottesliebe hat vier Dinge, die nie zur Ruhe kommen.
Das erste ist die wachsende Sehnsucht,
das zweite der fließende Schmerz,
das dritte die brennende Empfindung in Seele und Leib,
das vierte: ständige Vereinigung in großer Wachsamkeit gebunden.

Dies kann niemand erreichen, er würde denn einen vollen Austausch mit Gott eingehen, so daß du Gott alles, was dein ist, schenkst, das Innere und Äußere. Dann gibt er dir wahrlich alles, was sein ist, das innere und Äußere.

Wenn die selige Stunde vergangen,
da Gott die liebende Seele mit seinem hochheiligen Troste umfangen,
eia, da ist die Liebende so innig beglückt,
daß sie alles so selig entzückt,
was unwissende Seelen schmerzlich bedrückt.
Bist du dann rauh, so frag dich mit Angst und Bangen,
ob dich der Teufel eingesalbt hat.

FLG IV,18. Der geistliche Mensch gleicht einem Tier in dreißig Dingen seiner Natur
Also klagte eine traurige Seele und sprach verlassen zu ihrem Lieben:

»Eia, Herr, ich habe lange zwei Dinge begehrt,
die hast du mir noch nicht gewährt.
Das eine ist ein treues geistliches Leben,
- weh mir, Herzlieber, das ist alles unterblieben! –
Das zweite ist ein heiliges Ende.
Darauf freue ich mich so sehr,
daß ich meinen traurigen Ernst vergesse.«

Hierauf antwortete unser Herr und zeigte mir ein erbärmliches und unan sehnliches Tierchen und sprach: »Schau her, diesem kleinen Tiere bist du gleich.« - Da sah ich, wie das Tier auf einer Insel im Meere gezeugt wurde aus Schleim, der sich aus dem Meere ausscheidet, zwischen der heißen Sonne und dem Wasser, so daß die Sonne der Vater des Tieres, das Meer seine Mutter und der Schleim seine Materie war.
So wurde auch Adam von Gottes Kraft auf Erden aus schwacher Materie geschaffen. Dieses Tier bedeutet wahrhaft geistliche Menschen. Empfängt der Mensch einen geistlichen Geist, dann wird er von der heißen Gottheit gezeugt und von seiner Mutter, der Menschheit Gottes, empfangen, daher ist seine Materie der Heilige Geist, der seine sündhafte Natur in allen Dingen vertilgt. Das Tier wächst der warmen Sonne entgegen. Ebenso tut der geist­liche Mensch, der den Geist Gottes empfangen hat. Denn dies ist ein so edler Samen, der keimt und wächst bis an das selige Ende des Menschen.

Das Tier ißt nicht mehr, aber es hat einen großen Schwanz, der ist voller Honig, den saugt es alle Tage. Es hat auch goldene Barthaare, die klingen so lieblich, wenn es saugt, daß sie süße Stimme und der fröhliche Klang  in seinem Herzen erklingt, und der Leib wird vom süßen Trank des Honigs gesättigt. - Dieser Schwanz ist der Tod heiliger Menschen, den sie mit guten Werken und steten Tugenden heiter und weise vor Augen haben, während sie doch freudig große Treue im langen Warten offenbaren. Die goldenen Barthaare sind die Gottesliebe, die durch das liebende Herz in der edlen Seele erklingt. Selig der Mensch, der dies einmal richtig empfindet
Das Tier hat zuweilen eine natürliche Lust, vom Meere zu trinken aus schädlichem Durst. Aber dann kann es nie mehr gesunden, es sei denn, daß es das bittere Meerwasser ausspeit und wieder zurückgibt. Ebenso steht es um uns Sünder. Wenn wir aus dem Pfuhl der Welt trinken und die Unedelkeit unseres Fleisches nach dem Rate des bösen Geistes gebrauchen, o weh, dann haben wir uns mit uns selbst vergiftet. Wollen wir denn jemals gesunden, dann müssen wir uns selber verlassen und der Welt, was ihr gehört, wiedergeben.
Das Tier hat große Ohren. Sie halten sich offen zum Himmel hin, und es lauscht auf den Gesang der Vögel. Es flieht die wilden Tiere und fürchtet die irdischen Schlangen. So verhält sich auch wahrlich die liebende Seele. Sie flieht beständig  schlechte Gesellschaft, und sie haßt falsche Weisheit, und  ihre Ohren sind bereit, Gottes Weisheit zu hören.
Dieses Tier hat ein edles Gemüt. Es kann nicht im Meere bleiben, wenn die (andern) Tiere im Paarungsspiel tanzen und das Wasser tobt. Es liebt auch die Keuschheit und läuft auf den höchsten Berg, den es kennt, und wählt sich dort den allerschönsten Baum und erklimmt ihn mit leichter Mühe und umarmt dann den hohen Stamm. Und so ruht es dann in hoher Freiheit. Also verhält sich auch die liebende Seele: Das Eitle ist ihr bitter, und sie flieht das Vergängliche sehr, das wie Wasser hingleitet. Sie weiß auch sehr gut, wie sie mit großen Tugenden und heiligen Mühen auf den höchsten Berg des herrlichen Himmelreiches laufen soll. Sie klimmt weiter in der Gnade ohne Mühe auf den herrlichsten Baum der heiligen Gottheit. Dort umarmt sie den höchsten Stamm und wird selbst umarmt von der Heiligen Dreifaltigkeit
Das Tier hat auch zwei spitze Hörner. Mit ihnen verteidigt es seinen Leib in so großer Weisheit, daß es unter allen Tieren frei von hinnen zieht. O minnende Seele, verstehst du dies auch recht, [wie ich dies meine]? Du vertreibst mit Gottes Weisheit die Teufel von dir und lebst in heiliger Lauterkeit frei von allen Sünden.
Dieses Tier hat zwei schöne menschliche Augen. Sie fließen ihm voller (Sehnsuchts)tränen nach dem schönen Berge. Dort wäre es so gern. Eia, liebende Seele, wie schön sind die Augen deiner Erkenntnis, denn du hast in den ewigen Spiegel 162 geschaut, und die süßen Tränen fließen dir in Zärt­lichkeit. Dennoch erträgst du gern das Bittere des sündigen Meeres.
Dieses Tier hat einen sanften Mund und eine lautere Zunge. Es hat aber keine Zähne und kann nicht knurren und beißen. Der liebende Mensch hat s auch einen nützen Mund. Er lehrt und unterweist mit Freuden zu jeder Stunde, und seiner Rede fehlen alle schädlichen Worte und sind ihr fern. Er hat auch keine bissigen Zähne [der Verleumdung und anderer Bosheiten]. Er tröstet immer gern die Heimgesuchten. Er kennt auch keinen Zorn, es sei denn auf die Sünde und die Verhöhnung Gottes, ja, ihm ist kein Leid so arg, to Der Mund des Tieres ist oben offen und unten klein. Die Größe unseres Mundes ist der unermessliche Lobpreis, den wir Gott in Gemeinschaft mit allen Kreaturen darbringen sollen in all unserm Tun und in allen Dingen zu allen Stunden. Der unterste Teil unseres Mundes spricht allzugern von der sündigen Erde. 0 weh ob allen Sprüchen! Was soll aus den falschen Heiligen 15 werden, die mit der Gnade heiliger Leute betrügerisch ihren sündigen Leib nähren und sich ganz so verhalten, als ob sie alles in der rechten Gottes­wahrheit erfahren hätten? Der getreue Gott, der allein die Wahrheit liebt, möge seine wahren Freunde vor ihnen bewahren!
Dieses Tier hat schnelle Füße und keine Stimme; es ist in sich selber still.Die gleiche Natur hat die entrückte Seele: in der höchsten Liebe ist sie bei des, schnell und still.
Des Tieres Haut und Haar ist von unedler Farbe, denn sie ist fahl und häß­lich anzusehen. Es jagt auch niemand nach seiner gegenwärtigen Schönheit. Aber nach seinem Tode, wenn andere Tiere faulen, dann wird seine Haut so 25 edel und sein Haar so wundervoll getönt, daß die Vornehmsten, die es sich erwerben können, seine Haut statt des edelsten Zobels tragen. Den Frieden vollkommener Leute, ihre nützen Sitten und ihre heilige Lehre achtet man zu ihren Lebzeiten leider viel zu wenig. Aber nach ihrem Tode, wenn wir Sünder in Nöte kommen und wir dann gedenken, wie heilig sie lebten und 30 wie treu sie uns warnten, dann fühlen wir uns als Sünder beschämt, daß wir ihnen so fremd waren. Dann wird ihr Leben ein schöner Zobel, den wir Sünder vor unseren Augen in unserem Herzen tragen. Aber während ihres seligen Lebens fürchten wir immer um das wertlose Kupfer, so daß wir das edle Gold nicht berühren wollen.
Das Fleisch des Tieres ißt man am Freitag. Es stirbt auch nicht, es werde denn durch des Meeres Wellen totgeschlagen. Das Leben heiliger Leute ist ein einziger Freitag, denn sie fasten allzeit der Sünden wegen, und sie essen nicht die verbotene Speise, sondern leben nach göttlicher Weise. Die hohen Wogen der stürmenden Liebe lassen sie absterben an allen Dingen, und sie leben allein in Gott. Ja, dann erst gehören ihnen alle Dinge allein und sind ihnen mit Gott in der Liebe vereint. Dann erhält ihre Liebe wertvolle Kräfte, um Gott zu loben in allen Dingen.

Des Tieres Gebein ist eines edlen Fisches Gräte. Zierliche Kleinodien werden aus ihr geschnitten, mit denen sich Edelleute schmücken. Was für ein kostbares Kleinod das sei, wenn ein heiliger Leib von Liebe erfüllt und von Sünden frei ist, das zeigt uns Gott an seinen liebsten Freunden, an denen wir (-Ire wahren Zeichen finden. Gott hat uns an seinen heiligen Freunden manch wertvolles Kleinod geschenkt. Wenn wir ihn dafür nicht preisen, können wir nicht den Heiligen vereint werden, die man hier auf Erden erhöht. Der Name dieses Tieres ist zu deutsch: »Allesnutz«.
Selig der Mensch, daß er je geboren wurde, der diesen Namen vor Gott trägt.


FLG VI, 43. Diese Schrift ist aus Gott geflossen

Was in diesem Buche geschrieben steht, ist von der lebendigen Gottheit aus-geflossen in Schwester Mechthilds Herz und ist so getreu hier wiedergegeben, wie es Gott aus ihrem Herzen gegeben hat und ihre Hände es aufgeschrieben haben. Deo gratias!



Werkausgaben anderer Verlage:

  1. Das fließende Licht der Gottheit. Hrsg. V. Gisela Vollmann-Profe. Frankfurt (Deutscher Klassiker Verlag) 2003
  2. [Ein vliessende lieht miner gotheit] Offenbarungen Schwester Mechthild von Magdeburg  oder Das fließende Licht der Gottheit aus der Handschrift des Stiftes Einsiedeln. Unveränderter repografischer Nachdruck der Ausgabe Regensburg 1869. Darmstadt 1989
  3. Das fließende Licht der Gottheit. Nach der Einsiedler  Handschrift in kritischem Vergleich mit der gesamten Überlieferung. Hrsg. Von Hans Neumann. München (Artemis Verlag)