Mystik und Minne

„kurzgefasst:
Der Begriff „Mystik“ meint das verborgene Innerliche, das sich in einem Menschen vollzieht, der sich Gott zuwendet. Die Mystikerin Mechthild lebt mit dem Gott, an den sie glaubt. Ihr war die Gabe zu eigen, nicht nur von Gott zu reden und über ihn nachzudenken sondern in einer ganz persönlichen Liebesbeziehung mit Gott zu leben. Ihr literarisch hochwertiges Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür.“


Die im Klammern angegebenen Textstellen aus dem Buch Mechthilds "Das fließende Licht der Gottheit" (FLG) finden Sie unter dem Button "Das Buch" am Ende des Kommentars.

Der folgende Text dient als Anregung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

  1. Numinose Erfahrung als Vorstufe
  2. Mystik in christlicher Sicht
  3. Die Bibel beim Wort genommen
  4. Unterscheidung der Geister
  5. Metaphorische Sprache
  6. Prophetische Qualitäten
  7. Brautmystik und Minne
  8. Mechthild – die Troubadoura Gottes
  9. Verwendete Literatur

"Mystik" ist ein kulturübergreifendes Phänomen. Es kann eine bestimme Art religiös gedeuteter Erfahrung bezeichnen, aber auch die Literatur, die in der Tradition solcher Erfahrungen steht.
Eine mystische Erfahrung im religiösen Sinn ist eine unmittelbare Gotteserfahrung durch kontemplative Versenkung und als solche wohl eine Ausnahmeerscheinung.


1. Numinose Erfahrung als Vorstufe

Gelegentlich gibt es aber eine Art „religiös ungedeutete“ Erfahrung, die erahnen lässt, worum es geht: Ein Mensch wird an einem markanten Punkt seines Lebens von der plötzlichen Erkenntnis überrascht, dass er und sein Leben Teil eines wunderschönen, größeren Ganzen sind. Und dass dieses unfassbar Größere ihn behutsam trägt. Mit dieser Gewissheit durchströmt ihn ein bisher nicht gekanntes Vertrauen und er spürt eine „Kraft zum Guten“. Hinter diese Erfahrung gibt es kein zurück; sie hat eine wandelnde Kraft. Sie ist wie eine Botschaft aus einer anderen, tieferen Schicht der Wirklichkeit. Der so berührte Mensch ahnt, dass seine Existenz einen verborgenen Sinn hat. Dass es eine Antwort gibt auf das Woher und Wohin. Er fühlt sich „ganz“ und kann Ja sagen zu seinem Da-Sein.
Die einen erleben diesen sog. „numinosen“ Augenblick in einer intensiven Begegnung mit der Natur (Meer, Berggipfel), andere an einem Tiefpunkt ihres Lebens (Krankheit, Todesnähe), der so zum Wendepunkt wird oder aber in einem Moment der Verschmelzung mit dem geliebten Menschen.


2. Mystik in christlicher Sicht

Das "unfassbar Größere" hat für religiöse Menschen einen Namen. Es heißt Gott.

Die christliche Antwort auf die Frage nach dem Woher und Wohin des menschlichen Lebens lautet: Die Liebe Gottes ist der Urgrund alles Seins. Und in dieser Liebe ist das Geheimnis unseres Lebens verborgen, selbst wenn wir uns und anderen zum Rätsel geworden sind. Gott ist – um mit dem jüdischen Mystiker Martin Buber zu sprechen - das große DU, durch das der Mensch erst ganz zum Ich werden kann [Buber]. „Der Mensch ist nur mit Gott zusammen Mensch“ [Delp]

Ein von Gott berührter Mensch sieht die Welt mit neuen Augen; sie wird durchsichtig für die Wirklichkeit Gottes. Mystik kann also definiert werden als Abkehr von der Welt der „Dinge“ und der Hinwendung zur Welt als Ort Gottes [Keul]. Meister Eckehart, ein anderer Mystiker deutscher Zunge, unterscheidet zwischen der verzweckten und der unverzweckten Welt. Die verzweckte Welt fragt immer nach Nutzen und Ziel; in dieser  Welt der „ Dinge“ wird der Mensch zur Sache. Das gilt nach  Meister Eckhart für die Welt der „koufmanschaft“. Auf dieser Ebene bewegt sich heute, wer Menschen ausschließlich als „Wirtschaftsfaktor“, „Patientengut“, „Evolutionsmaschinen“ usf. wahrnimmt.  In der unverzweckten Welt trägt alles, ob Mensch oder Natur, seine eigene Würde in sich. Christlich gesprochen ist das die Ebene der solidarischen Mitgeschöpflichkeit.


3. Die Bibel beim Wort genommen

Von der „Wirklichkeit Gottes“ berührt, das klingt zunächst anmaßend, da Gott unverfügbar größer ist als alles menschlich Fassbare. Andererseits sagt JAHWE, der  biblische Name Gottes, genau das: „Ich bin (da)“ und das meint biblisch: Ich bin erfahrbar. Außerdem ist der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden und damit „gottfähig“. Jesus kann verstanden werden als das menschliche Antlitz Gottes, dem der Mensch „auf Augenhöhe“ begegnen kann. Und dass Gott ein neues, „hörendes Herz“ zu schenken vermag, darum wusste und bat schon König Salomo.  Insofern nehmen MystikerInnen wie Mechthild den christlichen Glauben nur beim Wort.
Trotzdem ist der Anspruch, Gott „persönlich“ zu begegnen, vom Menschen aus gesehen, immer eine Anmaßung. Tatsächlich überschreitet der Mensch in einer solchen Begegnung ja auch sich selbst; es bleibt ein Rest, ein Unsagbares übrig, das keine Entsprechung in der sichtbaren Tat oder im Wort findet. (Vgl. FLG II, 25 Ende).


4. Unterscheidung der Geister

Gott findet viele Wege zum Menschen. Wie aber lässt sich entscheiden, ob eine Erfahrung wirklich eine mystische Gotteserfahrung ist?  Die geistlichen Begleiter aller Zeiten wissen um die Gefahr des Subjektivismus, der neurotischen Selbsttäuschung oder der Täuschungsversuche durch „Scharlatane“. Auch eine psychiatrische Erkrankung muss ausgeschlossen werden. Es muss also „die Spreu vom Weizen getrennt“ werden, aber immer unter dem Vorbehalt, dass wir uns im Grenzbereich menschlicher Erkenntnis befinden und wir den „Masterplan“ nicht kennen.
Ein verifizierendes Kennzeichen  ist die Wirkung, die die Begegnung hinterlässt. Gott, das große DU, lässt den Menschen Teil haben an der Wahrheit hinter den Dingen: Die Seele darf die Wirklichkeit einen Moment lang aus der göttlichen Perspektive betrachten. Diese „Schau“  wird der Seele zum Auftrag. Gestärkt durch die Berührung mit der schöpferischen Kraft des Göttlichen wird der Mensch zum Handeln berufen. „Wer bei Gott eintaucht, wird beim Mitmenschen auftauchen“. Die Begegnung mit Gott hat also eine positiv wandelnde Kraft  (FLG IV 15/2).


5. Metaphorische Sprache

Mystiker sind Grenzgänger, Grenzüberschreiter – und Mittler zwischen der „Realität“ des Alltags und der göttlichen Wirklichkeit. Aber was sie „auf weiselose Weise“ erfahren [SÖLLE], ist größer als sie; es sprengt ihre Sprache. Mechthild sagt: „Nun gebricht mir das Deutsch und Latein kann ich nicht“ (FLG II,4). Wie soll sie da weitersagen, was ihr aufgetragen ist?
Wie alle, die von geistigem Neuland erzählen wollen, greift sie zum Stilmittel der Metapher. Schon der Buchtitel „Das fließende Licht der Gottheit“ ist ein – biblisch vorgeprägtes - Bild. Mechthilds zentrale Metapher aber ist die „Minne“. Können erotische Bilder überhaupt metaphorisch verstanden werden? Auf eine platte Weise tut das jeder, der ein Auto oder eine Aktie „sexy“ findet. Ernsthaft angefragt ist Erotik ein menschliches Lebensthema, dem sich keiner und keine ganz entziehen kann. Nirgends kommt der Mensch dem Ursprung des Lebens und seiner selbst so nahe wie hier. Vordergründig mag es um Befriedigung gehen. In einer tieferen Schicht aber geht es um Sehnsucht und Erfüllung, ja, um Teilhabe an der Weitergabe des Lebens. Wie schmerzhaft es sein kann, davon abgeschnitten zu sein, bestätigen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.


6. Prophetische Qualitäten

Mechthilds Schriften müssen in Zusammenhang gebracht werden mit dem nicht überlieferten, sprachlosen Teil ihrer Geschichte: ihrem Leben für und mit den Armen in den Elendsvierteln des mittelalterlichen Magdeburg. Die Not der Menschen, Krankheit und Tod  standen ihr immer vor Augen. Sie sind der dunkle, nicht zur Sprache gebrachte Hintergrund,  von dem sich ihre Texte wie helle Lichtspuren abheben.  Sie nimmt Maß am christlichen Ideal  und prangert die Abweichungen mutig an.
Auch dies ist eine Eigenschaft, die viele Mystiker auszeichnet. Sie sind nämlich – biblisch gesprochen – Propheten der Gegenwart: Sie stehen dem Zeitgeist und der Macht kritisch gegenüber und begegnen diesen furchtlos. Sie sind Mahner und schwimmen gegen den Strom.  Sie sprechen in göttlichem Auftrag und nehmen Ablehnung, sogar seitens der eigenen geistlichen Gemeinschaft, in Kauf.
Auch Mechthild war eine umstrittene Persönlichkeit, der von „Menschen geistlichen Standes“ das Leben vergällt wurde (FLG II, 24).


7. Brautmystik und Minne

Auf den ersten Blick wirken vor allem die Minnetexte Mechthilds  wie glühende Liebeslieder – und das sind sie auch. Tatsächlich schreibt und veröffentlicht sie unter dem Schutz einer zweifachen Traditionsreihe: Einer uralt-biblischen und einer zeitgenössisch-literarischen.

Aus der biblischen Tradition kommt die sog. Brautmystik:
Im ersten Testament wird das Volk Israel in ganz verschiedenen Textsorten als „Braut Gottes“ bezeichnet; vor allem in der Psalm- und Prophetenliteratur (z.B. Ez 16,8 und Jes 49+62). Wie Braut und Bräutigam auf die Erfüllung ihrer Sehnsucht warten und sich auf ein gemeinsames Leben freuen, so innig ist die Sehnsucht des menschenverliebten Gottes nach der Liebe seines Volkes.
Das Bild der Braut bedeutet verheißene Erfüllung, ein „schon“ versprochen, aber „noch nicht“ erfüllt. Der Brautpreis steht für den hohen Wert, die Lebensinvestition des Bräutigams. Wie das Beispiel berühmter Liebespaare zeigt, war die Liebesheirat in der hebräischen Bibel durchaus vorgesehen: Josef und Rachel, Abraham und Sarah, David und Batseba.

Das Zweite Testament greift das Bild der Braut mehrfach auf (z.B. Mk  2 oder Joh 3)  aber auch in der Offenbarung des Johannes. Die Hochzeit der „Brautleute“ ist nun in greifbare Nähe gerückt, da der „Bräutigam“, also Jesus, bereits angekommen ist. Er ist gekommen, um die Vereinigung mit seinem Volk – das ist jetzt die Menschheitsfamilie- vorzubereiten, indem er alle Hindernisse aus dem Weg räumt und den „Brautpreis“ zahlt. (So deutet Gertrud von Helfta den Kreuzestod). Wenn er sich der Braut erneut entzieht, in dem er vorübergehend zurückkehrt ins „Haus seines Vaters“, dann nur, um endgültig wiederzukommen und zu bleiben. Die Offenbarung des Johannes spricht von dieser endzeitlichen „Hochzeit des Lammes“ (Off 19+21). Mit ihr beginnt die Herrschaft des barmherzigen Gottes, der Himmel auf Erden, der ewige Friede. Uns mag das fremd erscheinen. Aber die Bilderwelt des Magdeburger Doms und anderer gotischer Bauwerke, die zu Mechthilds Lebzeiten entstanden sind, sind ohne dieses Hochzeitsszenario gar nicht zu verstehen. Auch die klugen und törichten Brautjungfern (Mt 25) gehören in diese endzeitliche Bildwelt.


Das Hohe Lied

Gott liebt den Menschen und will ihn an sich ziehen. Diese Aussage über Gott und den Menschen ist das tiefste Geheimnis der jüdisch-christlichen Religion.(Vgl. FLG I,24+II,5).   Es ist eine Art religiöses Destillat, das sich nur dem weise gewordenen Menschen erschließt. Vielleicht deshalb ist der Schlüsseltext der Brautmystik in der Weisheitsliteratur des Ersten Testaments zu finden: Das sog. „Hohe Lied“. In hocherotischen und hochpoetischen Bildern scheint hier die intime Zwiesprache zwischen zwei Liebenden aufgezeichnet. Aber obwohl Gott mit keinem Wort erwähnt wird, verstand der jüdische Glaube den Text als Metapher für die Zwiesprache zwischen Gott und der Seele.

Überraschend ist übrigens nicht nur, dass ein feuriges Liebeslied Aufnahme in die Bibel findet. Auch die selbstbewusste, wir würden heute sagen „gleichberechtigte“ Haltung der Geliebten scheint uns modern. Hier begegnen sich zwei füreinander in Liebe entbrannte Partner - auf Augenhöhe.  Dieses „moderne“ Beziehungsmodell ist die zu Ende gedachte Idee von der sog. Gottesebenbildlichkeit: Das tiefste Innere des Menschen trägt das Bild Gottes als Sehnsuchtsbild in sich. Die Mutterschaft Marias ist nur auf diesem Hintergrund denkbar. (Siehe Gottesminne) In Jesus, dem menschgewordenen Gott, wird diese tiefe Wahrheit Wirklichkeit - das Wort wird Fleisch (Joh 1): Gott zeigt in ihm sein menschliches Gesicht.

Das Menschliche in Gott, das Göttliche im Menschen. Mechthilds Schriften kreisen um diese theologischen Inhalte. Gerade dann, wenn sie Liebeslieder schreibt, bewegt sie sich in der Bildwelt des Hohen Liedes. (FLG I.11-20)

Mechthild begreift ihre Seele, d.h. den Teil ihres Wesens, der Gott ganz zugewandt ist als „erwachsene Braut“, als Geliebte Gottes (FLG I, 44). 

Als Ausdruck ihres privaten Gefühls hätte sie keine Adressaten gefunden. Aber sie schreibt in einem biblischen „Code“, den alle geistlich Gebildeten ihrer Zeit ohne weiteres entschlüsseln konnten. Deshalb kann sie eines ihrer Brautkapitel enden lassen mit den Worten: „Lieber Gottesfreund, diesen Liebesweg hab ich für dich aufgeschrieben – Gott möge ihn dir ans Herz legen. Amen.“ (FLG I,44)


Die literarische Form: Hohe Minne und Gottesminne

Mechthilds Kindheit und Jugend sind literarisch geprägt von der höfischen Kultur des Minnesangs. Er besingt alle Spielarten der „Minne“;  das ist das zeitgenössische Wort für all das, was wir heute Liebe nennen. Und so wie diese heute im Gassenhauer, im Schlager oder aber im Kunstlied oder einer Opernarie besungen werden kann, so gab es in der mittelalterlichen Liedkunst je nach Aussage und Publikum unterschiedliche Formen, um Liebe zu thematisieren.
In der höfischen Kultur sorgten die fahrenden Minnesänger und Troubadoure für Unterhaltung, indem sie in verschiedene Rollen schlüpften. Da gab es die sinnesfreudigen Lieder, die in frivolen Andeutungen das Liebesspiel bis zur Vereinigung besangen. Die Lieder der sog. Niederen Minne besangen das Liebesglück eines Mannes, der sich eine gesellschaftlich tiefer stehende Geliebte nimmt. Sie steht aber auch allgemein für die einseitig sexuell orientierte Liebe.

Es gab aber auch Liebeslieder, in denen der Minnesänger in denen der Minnesänger die Rolle des Lehensmannes annimmt. Sein Liebeslied richtet sich zwar an die Herrin, deren Vorzüge und Anziehungskraft er preist, meint aber den Lehensherrn, dessen Glanz durch die umworbene Schönheit seiner Ehefrau um so heller erstrahlt. Diese Liebeslieder eines niedergestellten Adligen, die sich an die gesellschaftlich hoch über ihm stehende und somit unerreichbare „Frouwe“ (adlige Herrin) richten, handeln von der ersehnten, aber unerfüllten Liebe. Diese entsagende Liebe wird als Hohe Minne bezeichnet [Ehrismann]. Indem im Minnelied die Verehrung öffentlich zu Gehör gebracht wird, wird deren Erhörung geradezu verunmöglicht.  So ist die Hohe Minne Ausdruck der verewigten Sehnsucht. Die „Frouwe“ wird zum Urbild der unerreichbar fernen Schönheit und Tugend. Die Allegorie der „Frau Minne“ steht  für die zum Guten wandelnde, veredelnde Kraft der selbstlosen Liebe, in deren Dienst (Minnedienst) sich der Ritter dem „höfischen“ Ideal annähert. Ähnlich wie die Oper heute, zelebriert die Hohe Minne „große Gefühle“ als kulturelles Geschehen. Durch ihre Teilnamen bestätigen sich die Zuhörer als Insider der höfischen Kultur, die durch das hochwertige Gemeinschaftserlebnis zur  Kulturgemeinde zusammengeschweißt wird. Die Hohe Minne trägt damit quasi-liturgische Züge.

Eine Besonderheit der Hohen Minne begünstigt dabei deren Überhöhung ins Sakrale: sie ist untrennbar verbunden mit dem Minnedienst [Ehrismann]. Der Minnende tritt in die Dienste der hohen Adligen bzw. der „Frau Minne“. Die erklärte Minne begründet also ein rechtsähnliches Verhältnis, vergleichbar dem auf wechselseitig verpflichtenden Dienst gegenüber dem Lehensherrn. Der Minnende begibt sich in den Schutz der Frouwe Minne und steht ihr – in frei gewählter Abhängigkeit – zu Diensten.

Die freiwillig eingegangene, beidseitig bindende Verpflichtung findet ihre Entsprechung im „bräutlichen“ Bund  zwischen Gott und dem Menschen (siehe Brautmystik). Das dienende Element der Hohen Minne macht also die Bühne der höfischen Vortragskunst frei für eine weitere Spielart des höfischen Minnesangs überhöht: in der sog. Gottesminne

Die Gottesminne dient ebenfalls der „mitreißenden Veredelung“ ihrer Zuhörer und hat die Verehrung  „unserer Frouwe“, also der Gottesmutter Maria zum Thema. Wie bereits im Zusammenhang mit der Brautmystik angedeutet, ist Maria das vollendete Bild des Menschen, ob Mann oder Frau, der Gott in sich Raum gibt, ihn in sich wachsen lässt und so Gott „zur Welt“ kommen lässt. Dies ist nur möglich in einer Liebesbeziehung zwischen Gott und dem Menschen: Maria muss Gott und Gott Maria geliebt haben. In der Gottesminnelyrik wird diese heilvolle Liebesbeziehung besungen. Der Minnedienst (s.o.) wird hier zum Gottesdienst: Die (ver) wandelnden Liebe Gottes befreit ihn von seinen Fixierungen und schenkt ihm ein „hörendes“, also mitfühlendes Herz  (vgl. 1Kön3,8).

In der Spiritualität der Beginen wie der Zisterzienser spielt die Maria, die Gottesgebärerin,  eine besondere Rolle. Auch Mechthild fühlt sich ihr eng verbunden (z.B. FLG I, 22).

Mechthild schöpft aus dem gesamten Repertoire der Minnelyrik – und sprengt es gleichzeitig! Denn die Seele, die so viel geringer ist als Gott, wird von ihm zur Königin gemacht.( FLG I, 39). Umgekehrt wirbt Mechthild mit dem Selbstbewußtsein der erwachsenen Braut aus dem Hohen Lied um die Liebe Gottes:

Ich rufe nach dir in großem Verlangen
Mit klagender Stimme.
Ich harre dein in Herzensbangen,
ich kann nicht ruhen, ich brenne
unauslöschlich in der Glut deiner Minne (aus FLG II,25)

Mechthilds Seele ist mehr als eine Braut, sie ist die ihm Angetraute. Und tatsächlich sind die beiden bereits genannten Arten der höfischen Minne, die Niedere und die Hohe Minne, einseitige Übertreibungen. Damit stehen sie im Widerspruch zum Leben, das durch das rechte Maß („maze“) im Gleichgewicht gehalten wird. Die maßvolle, angemessene Liebe ist die eheliche, um die „eben“ geworben wird. [Ehrismann]. Sie entspricht der Brautrolle aus dem Hohen Lied!


8. Mechthild – die Troubaoura Gottes

Unerhört Neu
Mechthilds Minne-Texte entpuppen sich als ein dichtes Gewebe von Bezügen . Für ihre ZuhörerInnen – vermutlich sind ihre Schriften besonders in Gemeinschaften vorgelesen worden -  waren die Inhalte dechiffrierbar. Neu und inspirierend war die Kombination der beiden Quellen.

Mechthilds Gottesmínnelyrik steht in der Tradition der Braut des Hohen Liedes, die ihre Liebe selbstbewusst dem Bräutigam offenbart. Die Stilmittel der Hohen Minne, die die Sehnsucht nach der unerreichbaren Geliebten zelebriert und überhöht, überträgt sie auf die Situation der bräutlichen Seele, die sich vor Sehnsucht nach Gott heiserschreit (FLG II, 25):

„Herr, ich will dich zweier Dinge fragen,
die erklär mir nach deinen Gnaden:
Wenn meine Augen in Verlassenheit trauern
Und mein Mund einfältig schweigt
Und meine Zunge in Sehnsucht gebunden,
und meine Sinne mich fragen Stunden um Stunden,
was mir sei, dann steht alles in mir; Herr
gänzlich nach dir.
Wenn mein Fleisch mir verfällt.
Und mein Blut vertrocknet,
mein Gebein erfriert,
meine Adern sich verkrampfen
und meine Seele schreit mit eines hungrigen Löwen Stimme:
Wie mir da ist?
Und wo du dann bist?
Viellieber, das sage mir!“                                                                    (aus FLG II,25)
…..

Troubadoura Gottes
Unter den  französichen Troubadouren hat es nicht wenige Frauen gegeben , wie z.B. Marie de France oder die  Comptessa de Dia [KEUL/1]. Im deutschen Sprachraum gab es so gut wie keine weiblichen Troubadoure. Gerade die Hohe Minne als gesellschaftliches Phänomen dürfte ein klassischer Männerpart gewesen sein. Um so erstaunlicher – und unerhört mutig ist es, wenn sich eine Frau dieser Ausdrucksform bemächtigt. Die Minnesänger, die das erfüllte Liebesverlangen aus der Perspektive eines Mannes besangen, fanden selten deutlichere Worte! So darf Mechthild zurecht als die „Troubadoura Gottes“ bezeichnet werden. [KEUL/1] (Siehe auch Das Buch/ Muttersprache als Provokation).

Wie es sein wird, wenn ER kommt: Union Mystica 
Mechthild weiß um die unüberbückbare Ferne Gottes – und erfährt doch immer wieder Momente überwältigender Nähe. Das einzige Bild, das stark genug ist, ist die erfüllte Minne: Die Grenzen werden fließend, der Sog hin zum Geliebten ist unaufhaltsam, bis die beiden in eins verschmelzen..(FLG II,6). Dieses Einschwingen in Gott, dieses Einswerden im Rhythmus, das ist der Tanz, den Gott die Seele lehrt (FLG 44/3+4). In der erotischen Sprache der Minnelieder singt sie mit Gott das Lied des Lebens: „Oh Herr, liebe mich leidenschaftlich und liebe mich oft und lang..“ (FLG I, 23).

Diese Momente des Einsseins mit Gott sind nicht Selbstzweck, sondern lösen geistige Reifungsschübe aus. So wächst sie in spiralförmigen Bewegungen langsam in Gott hinein: von der Liebe  (Minne) in die Erkenntnis (bekantnisse), von der Erkenntnis in den Genuss (gebruchunge). Mechthild vergleicht diesen Vorgang mit einem Tanz (FLG I, 44).

Die Wüste des Nichts
Doch je inniger die lichte Zweisamkeit, desto schmerzhafter der dunkle Abschied. Die Kehrseite dieser großen Gottesnähe ist die „Wüste“, der Gottesabwesenheit: „Du sollt das Nichts lieben…“. (FLG 1,35). Die Seele lernt, ins Dunkel hineinzulieben, in der Gewissheit, dass es der Schatten ist, den das große Licht Gottes wirft.
Die Nacht erleiden und sich im Aushalten zu üben, das sind die langen Durststrecken der Mystiker. Diese ‚Schule der Nacht’ lehrt sie, andere nicht allein zu lassen, wenn sich die Seele verfinstert, wenn sie die ‚Todesschattenschlucht’ betreten. Das ist der dunkle Hintergrund, auf dem Mechthilds fließendes Wortgold leuchtet. 
In die Nachtseite des Menschseins hinein fallen ihre Worte wie Lichtkegel der Hoffnung; „Wenn die Gottesliebe durch das liebende Herz in die Seele hineinklingt.- Wer das einmal leibhaftig erfährt, - wohl ihm, dass er geboren wurde.“(FLG IV,18/4)

Katharina Wieacker



9 Verwendete Literatur

BUBER, Martin:
Das dialogische Prinzip, Schneider, Gerlingen 19926.

DELP, Alfred:
Gesammelte Schriften, Hrsg. Roman Bleistein, Josef Knecht Verlag, Frankfurt, 1982-88

Ehrismann, Otfrid:
Ehre und Mut, Aventiure und Minne – Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter, C.H.Beck-Verlag, München, 1995, S. 136-147.

KEUL(-1), Hildegund:
Das Hohelied der Minne: Eine Entfesselung des weiblichen Begehrens, In: Bangert, Michael; Keul, Hildegund, „Vor dir steht die leere Schale meiner Sehnsucht“. Die Mystik der Frauen von Helfta, Benno Verlag, Leipzig 1998, S. 97-111, hier 109 f.

KEUL(-2), Hildegund:
Verschwiegene Gottesrede – Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg, Inbrucker Theologische Studien, Tyrolia-Verlag, Insbruck, Wien, 2004.
SÖLLE, Dorothee,  Mystik und Widerstand: Du stille Geschrei, 4. Aufl., Hoffmann und Campe, 19984, 986-91, Meister Eckhart