Einf├╝hrung

Hinweis: Der folgende Text dient als Anregung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Textauszüge des Mechthildbuches befinden sich hier


Mechthilds Buch "Das fließende Licht der Gottheit"

Mechthilds literarisches Werk berührt uns heute vor allem dort, wo sie von der Liebe „singt“. Die Schönheit ihrer Bilder bringt auch in uns etwas zum Klingen, als trennte uns keine Kluft von 800 Jahren. Und dennoch gibt es Verständnishürden zu überwinden, will man die Bilderwelt ihrer Texte verstehen, wie z.B.dessen von Allegorien, von Engeln und Teufeln bevölkerte Gedankenwelt; hier gilt es, sich in das Weltverständnis und die Denkweise dieser Epoche einzufühlen. Womit hat das in unserem Leben zu tun? Wie passt die „Leibfeindlichkeit“ der Askese zur sinnesfrohen Minne-Sprache des Seelenlebens? Das Mechthildjahr bietet Gelegenheit, auf Entdeckungsreise zu gehen!

Mechthild von Magdeburgs Buch „Das fließende Licht der Gottheit“ (FLG) ist ein vielseitiges Werk, das Texte ganz unterschiedlicher Gattungen enthält: Neben Visionen finden sich z.B. Lehr – und Streitgespräche, Allegorien, Verhaltensregeln zur Leitung einer geistliche Gemeinschaft, Sinnsprüche, aber auch Gottesminnelyrik - Liebesdialoge voller Poesie. 


Zum „Fließende Licht der Gottheit“

I. Einführung

  1. Hinweise zur Überlieferung
  2. Der Titel und Selbstverständnis
  3. Chronologie seiner Entstehung
  4. "...dann wird es in Flammen aufgehen." –
    Muttersprache als Provokation?
  5. Verwendete Literatur
  6. Werkausgaben


1. Hinweise Zur überlieferung

Zu Weltruhm gelangt ist Mechthild von Magdeburg durch ihr Werk „Das fließenden Licht der Gottheit“, abgekürzt FLG. Missverständlich ist, dass das Buch seinerseits in sieben Bücher untereilt ist. Da diese einzelnen Bücher keine eigenen Titel haben, sind sie aus heutiger Sicht eher als Kapitel eines einzigen großen Buches zu verstehen. Auch Mechthild meint das ganze Buch, wenn sie vom „buoch“ spricht.

Wie fast alle Bewohner der mittelalterlichen Stadt, wird Mechthild in keiner erhaltenen städtischen Urkunde namentlich erwähnt. Mechthilds Buch ist also das einzige „Lebenszeichen“ der Magdeburger Begine.

Die ältere Forschung ging davon aus, dass die Bücher chronologisch nach der Zeit ihrer Entstehung geordnet sind. Inzwischen konnte durch Textvergleiche zwischen den einzelnen Ausgaben und Auszügen festgestellt werden, dass einzelne Schriftteile je nach Redaktion unterschiedlichen Büchern zugeordnet wurden. Vermutlich ging der Niederschrift eine Phase der mündlichen Überlieferung voraus. In dieser „Testphase“ können neben Mechthild auch deren Beichtvater und andere Beginen Einfluss genommen haben auf Gestalt und Anordnung der Texte (sog. Verschriftlichungsprozess).

Im Vergleich zu den berühmten Ordensfrauen der Mystik, fanden Mechthilds Schriften zu Lebzeiten nur geringe Verbreitung.  Doch ihr Einfluss auf die Sprache der deutschen Mystik ist unbestritten. [WEIß, B.]. Dass es als Werk der deutschsprachigen Mystik überlebt hat, verdanken wir einer Übertragung ins Alemannische, die Sprache des deutschen Südwestens. Diese mittelhochdeutsche Übersetzung dürfte in Basel im Kreise von Heinrich von Nördlingen, dem geistlichen Begleiter der Mystikerin Margareta Ebner, um 1343-45 entstanden sein.
Nach der Wiederentdeckung der Schrift durch Pater Gall Morel, den Bibliothekar des Einsiedler Benediktinerstiftes, in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hat Bischof Carl Greith als erster Auszüge daraus präsentiert. Sie fanden Eingang in die Erbauungs – und Andachtsliteratur.
Seine Würdigung als literarisches Kleinod des Mittelalters verdankt das Werk der Mediävistik des 19. Jahrhunderts, die Mechthilds Buch als erstes deutschsprachiges Werk mystischer Literatur ins Licht der Wissenschaft rückte. Ein zweites Mal wiederentdeckt wurde es durch die nordamerikanische Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts.
Das einzig vollständig erhaltene mittelhochdeutsche Exemplar befindet sich heute in der Bibliothek des Benediktinerklosters Einsiedeln/Schweiz. Auch die lateinische Übersetzung ist in einem einzigen Exemplar vollständig überliefert: Es befindet sich in der Universitätsbibliothek Basel. Ihre Neuausgabe wird in Kürze erscheinen.


2. Der Titel und Selbstverständnis

Im Prolog offenbart kein geringerer als Gott selbst den Namen des Buches:
„Es soll heißen: Das Licht meiner Gottheit, fließend in alle Herzen, die da leben ohne Arg.“
Hier verbinden sich zwei Selbstaussagen von Jesus aus dem Johannesevangelium:
„Ich bin das Licht der Welt und Ich bin das lebendige Wasser“.(Joh 4)
Gemeint ist: Wer Gott begegnet, dem erhellt sich das Geheimnis seines Lebens und seine Sehnsucht nach Wahrheit und Erfüllung wird gestillt.
Gott ist Licht. Diese Erfahrung weitet die Kirchenräume der Gotik himmelwärts. Und Mechthild erkennt: dieses göttliche Licht, die göttliche Lebensenergie, ist stärker als alles Elend und alles Todesdunkel, dem Mechthild in den Gassen der brodelnden Stadt begegnet.
Es sickert durch die Ritzen der zerbrochenen Lebensentwürfe. Es wirft seinen Schimmer auf die Fratze der Armut und bringt das Göttliche des leidenden Menschen zum Leuchten.


3. Chronologie seiner Entstehung

Mechthild wird bereits im 12. Lebensjahr erstmals „vom heiligen Geist gegrüßt“.(FLG IV,2 Anf.) Doch es vergehen fast dreißig Jahre, bevor Mechthild ihre Gotteserfahrungen aufzeichnet. Ermutigt wird sie dazu von ihrem Beichtvater, dem Dominikanermönch Heinrich von Halle. Er ist überzeugt davon, dass Gott selbst aus den Worten Mechthilds spricht. Er redigiert ihre Texte und setzt Überschriften. Der mündlichen Weitergabe Rechnung tragend, werden sie zu „merkfähigen“, d.h. oft zählbaren Einheiten zusammengestellt. So entstehen in den Magdeburger Jahren sechs „Bücher“, bestehend aus Einzelkapiteln variierender Zahl und Länge. Heinrichs Redaktion endet mit dem Abschluss des sechsten „Buches“ mit einer Wahrheitsbeteuerung (FLG VI, 43 Ende).
Das siebte Buch schreibt bzw. diktiert die erblindete Mechthild im Kloster Helfta. Text und Diktion unterscheiden sich deutlich von denen der Magdeburger Zeit. Sind sie ursprünglicher als die übrigen sechs Kapitel? Ist es der Duktus der späten Jahre?  Oder liegt es daran, dass sie ihr Leben durch die mutmaßliche Aufnahme in den Zisterzienserorden stärker liturgisch ausgerichtet hat? Jedenfalls glüht in diesem Alterswerk immer noch die Glut der Gottesminne unter der Asche des Alterssiechtums.


4. "...dann wird es in Flammen aufgehen." – Muttersprache als Provokation?

Es gibt noch einen dritten Grund dafür, dass sie ins Kreuz-Feuer der Kritik gerät:
Was sie mitzuteilen hat, kann sie weder im Latein der (Glaubens -) Väter noch auf Deutsch angemessen ausdrücken. Es „gebricht“ ihr das Deutsch, wie sie schreibt. Deshalb schreibt sie in ihrer Mutter-Sprache, die sie mittels der Sprache der Minne poetisch weitet und kommt so zu einer selbst-verantworteten, innovativen Sprache. In diesem Sinne wird sie als Frau „mündig“. (Siehe auch Mystik und Minnelyrik)

Die Begine weckt den Unmut des lokalen Klerus nicht nur durch ihre Lebensform, sondern vor allem durch die offene Kritik, die sie an einigen ihrer Vertreter übt. Da liegt der Vorwurf des Ketzertums nicht mehr fern…

Mechthild deutet mehrfach an, dass sie Anfeindungen ausgesetzt war und an einer Stelle bringt sie die Bedrohung, unter der sie lebt, offen zur Sprache:
„Ich wurde vor diesem Buche gewarnt und von Menschen also belehrt:
Wolle man davon nicht abseh’n, dann wird es in Flammen aufgehen!“( FLG II,26)
Doch als sie sich an Gott wendet, beruhigt er sie: „Die Wahrheit kann niemand verbrennen“.

Einige Jahrzehnte nach Mechthild, nämlich 1310,  wurde die französische Mystikerin und Begine Marguarite Porete für „ihre“ Wahrheiten übrigens tatsächlich verbrannt (UNGER].

Katharina Wieacker



5. Verwendete Literatur

KEUL, Hildegund: Verschwiegene Gottesrede – Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg, Innsbrucker Theologische Studien, Tyrolia-Verlag, Insbruck, Wien, 2004.
UNGER, Helga: Die Beginen – Eine Geschichte von Aufbruch und Unterdrückung der Frau, Herder-Verlag, Freiburg, 2005
Weiß, Bardo: Mechthild von Magdeburg und der frühe Meister Eckhart. In: Theologie und Philosophie, Jg 70, Heft 1, 1-40
Bei Balázs J. NEMES, Seminar für Germanistik der Universität Freiburg, bedanke ich mich für die hilfreichen Hinweise, vor allem bezüglich der Überlieferungsgeschichte.


6. Werkausgaben